Vorentscheidung:

Die Entscheidung zur Scheidung führte wie meistens dazu, daß es nicht nur meinem Umfeld sondern auch mir ziemlich schlecht ging, auch finanziell. Mein 12monatiger Einsatz auf einer operativen Intensivstation half mir seelisch nicht unbedingt weiter.

Als im Frühjahr ´98 mein Auto einige Wochen stand, weil mir für eine Reparatur das Geld fehlte, brauste ich mit Vatterns altem „Arcona“ mit Torpedo 3Gang die 18km zum Dienst und danach wieder zurück. Die Erkenntnis, daß es sehr schnell geht, bis einem die Strecke nichts mehr ausmacht, es kein falsches Wetter gibt, sondern nur falsche Kleidung, und daß man sich, gerade nach einem harten Arbeitstag, körperlich und seelisch viel besser fühlt, wenn man an der frischen Luft aktiv war, ließ nicht lange auf sich warten. Das -reparierte- Auto blieb immer häufiger stehen, und ich kaufte mir ein Tourenrad.

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Am Samstag, den 29.05.1999 begann dann eine Radtour, die nicht nur Lust auf mehr machte, sondern auch zu einer rigorosen Entscheidung, mein ganzes Leben betreffend, führte:

Ich brauchte Urlaub, Sonne, Wasser, Ferne, klamm wie ich war, fiel die Wahl auf den Plattensee in Ungarn, mal kucken, ob man das mit dem Rad schafft, um das „wenn nicht“ oder das „wie“ machte ich mir keinen Kopp:

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Ab in´s Blaue!

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Tourer ohne Licht oder Gepäckträger mit Semislicks, Rucksack auf und los.

Semislicks sind Scheiße

12kg Rucksack + Rennradsattel auch

Nicht nur deshalb gab ich den Mittellandkanal als Elbezubringer etwa bei Peine auf, und bevorzugte von nun an die Straße, eine Lehre, die sich die folgenden 20 Jahre als wegweisend erwies…

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mit dem Rad aufm Rücken drumherum gehangelt

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Am ersten Tag erreichte ich nach 172km SCHÖPPENSTEDT, am zweiten nach 174km BITTERFELD und am 3. nach 202km KÖNIGSTEIN, nicht ohne zuvor am bereits eingerüsteten schwarzen Fuß der Frauenkirche in DRESDEN eine Spende für den Aufbau geleistet und ein herrliches Radeberger genossen zu haben.

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Frauenkirche, damals noch Kriegsruine

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  Am 4.Tag war ich bereits in Tschechien, einem El Dorado für Liebhaber guten Bieres und deftigen Essens. Meinem Tagebuch zufolge mußte ich an einem Tag von VRECLAV entlang der Donau durch die gesamte Slowakei bis nach Ungarn hinein radeln, weil ich blank war. Ich hatte nur 100DM Scheine zum Umtauschen, und sah keine Möglichkeit bei den ortsüblichen Preisen einen 100er auszugeben, bevor ich Ungarn erreichen würde. Außerdem hätte ich mir das nicht leisten können.

Es gab vielleicht Probleme früher….

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Einerlei, am 8. Tag erreichte ich tatsächlich den Balaton, wo ich bei einem pensionierten Offizier ein paar flotte Tage im Schutz seines Weingartens wohnte, in seinem Armeezelt, welches er mir netterweise borgte. Auf einer sicheren Terrasse mit einem Glas Graumönch lassen sich auch Balatongewitter gut aushalten, und Pörkölt koche ich noch heute genau nach Ilonas Rezept.

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Schlechtwetterfrei

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Der Rest ist schnell erzählt, das Wetter war irgendwie nach ein paar Tagen kaputt, eine Komplettumfahrung des Sees hatte stattgefunden, wo ich eher bestätigte, als lernte, daß wo ein Wille, auch ein Weg ist,

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zurück gibt´s nicht!

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also sauste ich noch schnell nach BUDAPEST, um dort ein paar Baudenkmäler und Museen anzuschauen.

.Ich nehme nicht an, daß man heute noch in Radlerhosen das Cafe Gundel betreten darf, nachdem man sein Rad ans schmiedeeiserne Tor geschlossen hat, aber den Palatschinken auf Porzellan und den Kaffee aus silbernen Kannen, serviert von livrierten Kellnern, nimmt mir keiner mehr.

Leider gelang es mir dort nicht, den Wächter zu überreden, mich eine Runde mit Rad auf dem Ungarnring drehen zu lassen, aber man war halt mal dort.

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So, das war´s wohl

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Die Rückfahrt war auch noch ein besonderes Erlebnis:

Die Reederei Mahart fuhr mich auf einem russischen Tragflächenboot innerhalb von 5 Stunden nach Wien, das Rad auf Deck verzurrt, von dort ging es dann problemlos mit dem Nachtzug heim.

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Hello, Vienna calling

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Zuhaus überlegte ich noch ein paar Tage, dann sprach ich mit meiner Schwester, die mich für bekloppt erklärte, aber bereit war, mir mit dem Inserat im Internet zu helfen.

Ich entschied, meinen Benzinverbrauch auf „Null“ zu setzen:

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Bis hierher…

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Mein geliebter Bulli wurde abgeschafft.

Jahresgesamtleistung:   8.498km  

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