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2015 Paris – Brest – Paris : rien ne va plus!

Bückeburg, 14.08.2015, 06:27

Startnummer

Startnummer A130/1230km/80h

Nach einer unruhigen Nacht, gefühlt hat es ständig gewittert, geht es Freitag früh dann endlich los.

Uwe, mein Unterstützer, hatte sich erst wegen Gewitter mit Starkregen eine halbe Stunde verspätet, nun, nach gerade mal 20km, fragt er: “ Kannst Du eigentlich noch Auto fahren?“.

Das geht ja gut los…

Ab etwa Aachen lenke ich den tabula-raser.de Bulli, Uwes Heiligtum, bis Paris, dreimal Espresso, weil mir die Augen zufallen, wann fahr ich schon mal Auto, indes, wir kommen gut durch, sind fast die ersten auf dem Sumpfcamping am neuen Velodrome National.

Basiscamp

Basiscamp

Samstag, 15.08.2015

Treffen der immerhin 522 deutschen Teilnehmer, bzw derjenigen, die nicht noch auf der Bahn hängen:

Methusalem

Methusalem

Friedhelm, mit 84 Jahren unser Ältester Teilnehmer, befragt nach seinen 3 besten Tipps, lacht uns aus:

„Wenn ich mich hier so umschaue, sage ich: manche werden es nie lernen!

Vergeßt mal das Rasen, lernt das Reisen!

        Dann schafft ihr das auch.“

(Ich persönlich glaube ja, daß seine Geheimwaffe weiße Kniestrümpfe sind…)

Sonntag, 16.08.2015, 14:00

Uwe is schon mal los. Ich lungere mit hunderten anderen auf der Wiese vorm Velodrome herum,

Warten...

Warten…

warte auf den Start und stärke mich noch mal:

Energieschub

Energieschub

frites avec „mayo jaune

Die Strategie:

ganz rechts isser

ganz rechts isser

Hinten rechts aufstellen, Sturz vermeiden, ich bin ja in der ersten Startgruppe mit all den ambitionierten Mädels und Jungs. Nicht, weil ich ambitioniert, geschweige denn schnell wäre, ich will schnell fertig werden. Dieser Teil der Strategie geht dann ja auch auf….

gelassen...

gelassen…

Der Start

Es geht los

Es geht los

Wie erwartet, balgt man sich darum, als Erster über die Linie zu kommen.

Ich bleibe noch mal stehen, verzögere 50m, die Leute lachen, fotografieren, und dann rolle ich als letzter gemächlich los, ebenfalls lachend und in die Runde winkend.

Sekunden später rolle ich auf den Place de la Celeste, schwarz von Menschen, die klatschen und Bilder machen, unwillkürlich entfährt mir:

Ihr seid doch nicht alle wegen MIR hier?

Tosender Applaus brandet auf, obwohl die sicher kein Wort verstanden haben.

Geil.

Den hab ich gleich!

Den hab ich gleich!

Dann gebe ich mal Gas. Die Heißkisten sind ja schon alle weg.

Nicht nur das: so alle halbe Stunde kommt von hinten eine wilde Jagd, drängelt mich fast in den Graben und entschwindet nach vorn.

Uwe hat eine Liste erstellt, auf der er meine Ankunftszeiten mit Schnittgeschwindigkeiten darstellen und ankreuzen kann, damit die Treffpunkte geplant werden können:

Korinthenkackerei?

Korinthenkackerei?

Mortagne au Perche

Charles Terront ist schon etwas besorgt

Charles Terront guckt schon etwas besorgt

Ich hol mir mal einen Teller Nudeln, 140km sind geschafft, es wird nun dunkel, darum kommen nun Signalweste und Helmlampe zum Einsatz. Besonders diese macht Spaß:

Da uns noch niemand entgegenkommt, kann ich sie bei den zahlreichen rasenden Abfahrten gnadenlos einsetzen, mit 800Lumen am Helm ballere ich ins Dunkel.

Die Ausschilderung ist deutlich besser als früher, an der „bösen“ Abbiegung auf gerader Strecke, wo ich mich die letzten beiden Male verfahren habe, gleitet diesmal ein geisterhaft leuchtender Mensch auf die Straße und rennt mir fast ins Rad, im Bemühen, mir den Weg zu zeigen.

Als Kontrast erblicke ich einige Kilometer später, erschreckt durch ein dumpfes „a gauche!“  in der Schwärze der Nacht nur ein blasses Gesicht. Wie in der Geisterbahn…

Villaines la Juhel

Nach 220km, ich hab gefühlt schon 10mal gedacht, jetzt mußte doch bald da sein, gibts endlich den ersehnten ersten Stempel. Dann marschiere ich direkt zum Auto, fülle Getränke auf, und verabschiede mich nach kurzer Zeit.

Zurück in die Kontrolle, ich bin so bleiern müde, daß ich da erstmal in der Ecke etwas „Kraftnapf“ machen muß. Anschließend noch ein starker Kaffee an der Ecke….

muß der Coach ja nich wissen…

Benzin

Benzin

Fougeres

Morgensonne

Morgensonne

Irritierenderweise mußte ich zwischendurch nochmal „Kraftnapf“ auf einem riesigen Kieshaufen machen, weil mir schon wieder die Augen zufielen. Das war angenehm, von der Sonne des vergangenen Tages hatte der eine Restwärme…   … wär am liebsten liegengeblieben…

Morgengrauen

Morgenstimmung

Uwe werde ich erst in Tinteniac wiedersehen, schnell stempeln und weiter, endlich ist die Sonne aufgegangen, es gab schon Kaffee an den zahlreichen Ständen, wo die Leute uns beschenken und aufmuntern.

Kaffee und Kuchen für alle

Kaffee und Kuchen für alle

Sonnenaufgang

Sonnenaufgang

Strategie: Pause streichen, Schlafen in Carhaix, wo Uwe stehenbleibt, lieber auf dem Rückweg, wegen des Kopfes, aber zur Not auch schon auf dem Hinweg. Aber irgendwie genieße ich das Ganze total, die Leute an der Straße, die Stimmung, und als dann Jonas von LEL winkend aus einem Cafe gestürmt kommt, bleibe ich auf einen Kaffee. Zur Freude verschiedener Franzosen führe ich auf der Weiterfahrt im Trinkrucksack auch ein Baguette mit. Bin müde, aber Spaß habe ich.

Kaffeepause

Kaffeepause

Zusätzlich motiviert, daß überall noch die Deko von der „Tour de France“ steht und hängt, die hier vor erst einigen Wochen entlangführte.

Es lebe die Tour!

Es lebe die Tour!

Tinteniac

müde...

müde…

Stempeln, raus aus dem Geschiebe, ich habe son bißchen den Eindruck, daß viele, besonders Italiener, das Alles ein bißchen sehr ernst nehmen.

Diese Einstellung: ich bin Radfahrer und cool, geh mir aus dem Weg! pißt mich an.

Essen, trinken, auffüllen, halbe Stunde in der Sonne dösen.

Wollte ich nicht konsequent im Hellen fahren?

Uwe ist zufrieden mit meiner Geschwindigkeit.

Wenn du wüßtest…

Quedillac

Hier isses doof, ich fahr durch. Zeit sparen, weniger rumstehen. Stempel gibt´s eh nich.

Auf dem Weg hierher mache ich die Beobachtung, daß alle Japaner einzeln fahren, aber immer im Windschatten von ein bis zwei starken Europäern. Als ich so eine Gruppe überhole, wechselt er agil wie eine Karpfenlaus sofort an mein Hinterrad. Nee, Kumpel, so nich!  Wech isser. 😀

Ist ja nicht so, daß ich nicht fahren kann. Aber der Druck auf den Pedalen fehlt.

Was die Kollegen aus Fernost betrifft, scheint mir, daß, seit keiner mehr Samurai braucht, das Kopieren der Leistung anderer das eigene Fortkommen sichern muß.

Dann kommt diese Kreuzung innerorts, an welcher ein großes Schild darauf hinweist, man solle das Stopschild respektieren. Ich respektiere es auch, in eigener Sache, rolle langsam in die Kreuzung und trete, weil frei,  wieder an, da blökt es aggressiv von hinten: „respectez le Stop!

Toll. War wohl ein Trick. Zeitstrafe? Sehen wir in Loudeac…

So etwa um 16:00 kommt mir ein einzelner Randonneur entgegen, ich gucke noch hin, der hat tatsächlich ein Rahmenschild! Nach 24h! Ich höre später, daß er das Ding tatsächlich von vorn zu Ende gefahren hat.

Ok, Raserei hin, Reisen her, CHAPEAU!

 Loudeac

Die Kontrolleure blicken mich prüfend an. Scheiße. War wohl ne Falle. Nee, ich krieg den Stempel.

Bestände auffüllen, was essen, Uwe ist zufrieden mit mir, ich haue ab, weil ich mich vor den Toiletten an der Kontrolle grause, aber unbedingt was erledigen muß. Wnn du in Frankreich in einer Gaststätte nach der Toilette fragst, bringen sie dich hin.

Natürlich bestell ich noch ne Cola, quatsche mit ein paar deutschen Randonneuren, und wir gucken so, wie jeder unterwegs ist. Zeitfenster, sagt einer. Um fünf in Brest sein, sagt ein Anderer. Einer fragt:

„Mußt du nicht mal schlafen?“

 St.Nicolas de Pelem/controle secret

Ich bin so müde. Viele sind müde. Die vermeintlich idealen Bedingungen, die knallige Sonne, das alles setzt zu, schon seit Mittags ligen überall pennende Menschen in grellbunten Plünnen am Straßenrand.

Jetzt, in der zweiten Nacht, fahren schon viele, die später los sind als ich, unruhig auf dem Mittelstreifen.

Warum bleiben Radsportler eigentlich generell im Pulk schlagartig mitten auf der Straße stehen?

Ich eiere mit 5-6km/h die Berge hoch. Ok, dann mit 60 wieder runter, aber so holste keinen Pott, denk ich mir.

premiere nuit

la nuit

Die Nacht ist schön.

Carhaix – Plouguer 18.08.2015, 01:10

Höflich begrüße ich den Kommissar, er blickt in mein Büchlein, stempelt, blickt auf die Uhr und stutzt.

Er mustert mich eine Weile, dann trägt er wortlos 01:10 als Zeit ein, und gibt mir das Heft wieder.

40min drüber.

Ups.

Carhaix – Plouguer 18.08.2015, 01:25

„Hallo, Max, wie geht´s?“

„Gib mir mal ein Bier!“

Uwe beginnt wortlos in den Tiefen des Bullis zu wühlen, gibt mir eine köstliche kalte Flasche Jever.

Uwe sieht mich an.

Uwe hat verstanden.

Ich erkläre mich, er nickt.

Carhaix – Plouguer 18.08.2015, 06:30

Ich blicke völlig konsterniert in ein stoppeliges, bretonisches Bauerngesicht.

Nachdem der gute Mann mich ein viertes Mal wachgerüttelt hat, fische ich mal den Stöpsel aus dem Ohr, und verstehe nun endlich, daß ich ja weiter müsse.

Dann ist alles wieder da:

Diese maßlose Enttäuschung, als ich zum 2. Mal bei dem irritierten Kommissar auftauche, und ihm wortlos Rahmennummer, Stempelheft und Chip auf den Tisch lege.

Der Schmerz, als ich dem herbeigerufenen Leiter erkläre, daß ich noch nicht geschlafen habe, frühestens loskomme, wenn ich in Brest auch schon aus der Zeit geflogen bin, kurz, auch wenn sie mich fahren lassen, das hole ich nicht auf den nächsten zwei Kontrollen, das hole ich nie mehr auf.

Natürlich könnte ich auch weitermachen.

Aber bis hier hat es mir Spaß gemacht, trotz dieser Müdigkeit.

Soll die Freude über meine 3. erfolgreiche Quali in Folge, über 4 geile Brevets dieses Jahr, über 523km am Stück mit mehr Höhenmetern als der MontBlanc in den letzten Stunden in einer end- und sinnlosen Qual verblassen?

Die traurige Erleichterung, als er mir endlich den Stempel reindrückt, und mich in die Liste der

„Abandons“

einträgt.

Fin

Fin

Ich danke dem Mann vom Weckdienst freundlich, er trollt sich, dreh mich um, und penne erstmal noch zwei Stunden.

 

Die Nebel von Abandon

Die Nebel von Abandon

Draußen ist es neblig. Da hätte ich Maulwurf sowieso keine Chance gehabt.

St. Quentin de Yvelines, 18.08.2015, 20:00

Still seh ich mir mit einem Bier im Velodrom ein paar von den ganz schnellen Jungs an.

Die sind auch fertig....

Die sind auch fertig….

Paris, 19.08.2015, 13:25

Arc de Triomphe

Arc de Triomphe

Mit Triumph ist nicht viel, ich seh eigentlich eher …

Tour Eiffel

Tour Eiffel

…einen riesigen, eisernen Finger…

reaktive Depression

reaktive Depression

aber bevor Prometheus nur noch depressiv im Bett liegt, fahre ich lieber durch die Stadt der Liebe 138km ins scheußliche SOISSONS, Schaumburgs Partnergemeinde.

Ich versuche rauszufinden, wieso ich so langsam unterwegs war.

Hätte, hätte, Fahrradkette…

Keine Ahnung.

seems to be a wre(c)kin sport

seems to be a wre(c)kin sport

„Vergeßt mal das Rasen, lernt das Reisen!“

rief uns der alte Friedhelm vor ein paar Tagen zu…

Ist das nun mein Ende als Randonneur?

Nö.

PBP 2019

Zeitlimit: 90h

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