Kletterer leiden genausoviel wie alle anderen. Aber sie leiden anders.

Du fühlst den Schmerz, du fühlst aber auch die Freude, jetzt genau an diesem Ort zu sein.

                                                                                                                                        Richard Virenque

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Seit einem halben Jahr besaß ich statt eines VW Bulli, mit dem man überall hinkonnte und der,  abgesehen von Bergen von Bequemlichkeiten, die er tragen konnte, eine gute Pennmöglichkeit war, lediglich ein Staiger Alutourenrad und einen B.o.B.Anhänger.

Nach der ersten Radreise nach Ungarn hatte ich beschlossen, daß einer der das kann, kein Auto mehr braucht, und dieses am 3.10.1999 verscheuert.

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das erste Reiserad

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Mit dem neuen B.o.B.Anhänger  mussten es dann gleich die Alpen sein.

Reichlich Schiß hatte ich vor der Nummer, und erzählte jedem , der es wissen wollte, daß ich das tun würde, mit Anhänger, einfach um mich selbst unter Zugzwang zu bringen.

Viele Leute, die heutzutage, wenn ich einen Plan entwickle nur sagen: “ja, nee, is klar!” , grinsten damals nur müde, und wechselten das Thema. (Inzwischen bin ich 6mal über die Alpen, einmal sogar mit Tandem und B.o.B. …)
Über Weser- und Fuldaradweg, Hessen R1, Sinntalradweg(der damals noch deutlich stiller war), Mainradweg bis OCHSENFURT. Dort führt der Gaubahnradweg ins Taubertal und auf die Romantische Straße, die parallel als Fernradweg ausgewiesen ist. Ab hier wurde es interessant:

Ich stellte nämlich fest, daß die Route, die ich mir – zum einen wegen der Schneehöhe, zum anderen, um überhaupt rüberzukommen – auf Relieflandkarten ausgesucht hatte, schon vor Tausenden von Jahren von den Römern als Straße befestigt worden war: Die Via Claudia Augusta.

Ich nahm einen romantischen Umweg über Schloß Neuschwanstein, MITTENWALD  und TELFS in Inntal (Alter, da runter mit 30 Kilo Gepäck und Felgenbremsen!) und ackerte mich dann eines kühlen Morgens auf den Reschenpaß, die Straße hat mittlerweile auch deutlich an wilder Romantik verloren.

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daß ich drüber war, merkte ich erst, als das Wasser im Graben plötzlich vor mir her floß…

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Irgendwie hat der Reschen mich damals enttäuscht…

Die Abfahrt war recht flott, damals gab es den Radweg noch nicht, und Mäxx bretterte die Serpentinen gen Meran hinunter wie nix Gutes…

Indes, trotz des Umweges über MITTENWALD war noch soviel Zeit übrig, daß ich via Gardasee, VERONA und PADUA schnell VENEDIG erreichte, wo man mit dem Rad nix machen kann(darf) und der Camping MESTRE an der Lagune stinkt.

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wenn die Radler Trauer tragen

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Aber es fahren Schiffchen nach Griechenland, und so benutzte ich einen stillen Campingplatz bei IGOUMENITSA als Basis,

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mehr Meerblick geht nicht

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um via IOANNINA die gen Albanien gelagerte Bergwelt von Zagoria zu erkunden, unterwegs lernte ich meinen unerschütterlichen Respekt vor alten, italienischen Radfahrern, die mit verwaschenen Plünnen und einem winzigen Bidon unterwegs sind: Ich war dem irgendwann weggefahren, und nachdem ich denn grausigen Paß von VRODINA bei 35° überwunden hatte, mußte ich erstmal ein eiskaltes Amstel auf dem Camping am See reinkippen, bevor ich sprechen konnte. 10min später kam der Opa rein, taufrisch, und gratulierte mir…

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ziemliche Ochserei…

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Aoos-Vikos Nationalpark, Biloi

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In dieser anstrengenden Umgebung lernte ich, daß Brücken manchmal nur auf Landkarten existieren, und, daß, wo eine Wille, in der Regel auch ein Weg ist. Dreimal mußte ich hin und her, bis alles drüben war, die Wildwasserkanuten vom Paddler´s Club haben sich totgelacht:

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nicht nur stille Wasser sind tief…

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Dann erlebte ich eine Anekdote im Dorf SKAMNELI, wo man mir gestattet hatte, neben dem Basketballfeld zu zelten. Kaum aufgebaut, erschienen zwei Männer, der Dorflehrer und sein Sohn.Sie nahmen Platz, Kekse, und mich in die Mangel: Woher? Wohin? Warum so schwere Reise?                       Das in sehr gebildetem Englisch geführte Verhör gipfelte in der Frage, das Ganze sei ja nun nicht ungefährlich, was ich denn zu tun gedächte, wenn ich z.B. überfallen würde?

Ich antwortete damals höflich lächelnd, daß es wohl unklug sei, im Vorfeld schon anzukündigen, was man machen würde. Auf diese – offensichtlich als weise empfundene – Aussage hin, verabschiedete man sich höflich respektvoll und überließ mich einer ungestörten Nachtruhe.

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“Camping” Skamneli

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Wieder zurückgekehrt nach IOANNINA radelte ich einen herrlichen Tag lang stumpf bergab nach NIKOPOLIS, wo ich zum 2. Male meinen Geburtstag allein mit dem Fahrrad feierte, auf einem geradezu mystischen Platz unter bis zu 1000 Jahre alten Olivenbäumen.

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for I´m a jolly good fellow…

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Etwas kachektisch erreichte ich wieder den Fährhafen von IOUMENITSA,

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10 kilo runter…

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radelte von VENEDIG nach VERONA, um dort den Nachtzug nach München zu erreichen. Weiter mit dem Zug nach HÖXTER, erledigte ich dort noch zwei flotte Freifallsprünge

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heute mal was verrücktes…

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und radelte Sonntagnachmittags die Weser runter Richtung Porta  nach Haus.

An der Wohnungstür hörte ich schon den prähistorischen Kühlschrank in meiner Küche röhren, den ich bestimmt geleert und ausgeschaltet hatte???

Damals wie heute standen mir die Tränen in den Augen, die Jungs hatten sich meinen Schlüssel besorgt, und das Ding gefüllt, alles war da, sogar ein paar eiskalte Jever.

Gulli und Heiner, wo immer ihr nun sein mögt, das war klasse von Euch!

Meine Freunde hörten auf, sich Sorgen zu machen, sie sagen seitdem, ich sei verrückt.

Jahresgesamtleistung:   12.071km