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2008 Albanien ist kein Fahrradland

Das waren alles „große Strassen“ im Küstenbereich. Am scheußlichsten war es auf dem unteren Bild: Ihr könnt nämlich die 8 italienischen Rennradler nicht sehen…

Heute, am 13.04.08 ging es dann endlich los. Mit dem neuen GPS war das Verlassen MILANOs ein Spaziergang. Der Via Frangicgena, einem Pilgerweg des Erzbischofs von Canterbury von 13xx folgend passiere ich die Reisfelder von PAVIA, über PARMA will ich nach SAN MARINO. Über REGGIO, MODENA, BOLOGNA und IMOLA folge ich der Touristenstrecke nach RIMINI, was Dank GPS auf der alten Hauptstrasse mit den direkten Ortsdurchfahrten sehr interessant wird.

Von CASTELBOLOGNESE nehme ich den dirkten Weg in die Berge und überquere den legendären Rubikon.

So richtig fit bin ich noch nicht, das Wetter könnte auch besser sein.

SAN MARINO erreiche ich im Regen, würge mich den Berg hoch bis zum Rathaus und fahre dann alles wieder runter zum Campingplatz. Tolle Abfahrt, nur muß ich frühmorgens wieder hoch, sonst komm ich nicht raus.

Nun nehme ich mir erstmals den Appenin, das zentrale Gebirge des italienischen Stiefels vor

Durch friedvolle Bergstrassen und alte, befestigte Städte voller Baudenkmäler führt mich mein Weg nach ROM, zuvor zelte ich vor TRESTINA wild am Tiber. Nach ein paar, von Einheimischen verwundert beäugten Cappuccini am folgenden Morgen passiere ich in 850m Höhe den letzten Pass zum Trasimenischen See, jenem Ort, wo Hannibal die römischen Legionen vernichtent schlug und der Entsetzensruf „Hannibal ad portas!“ entstand.

Witzige Einlage: irgendwo im Berg raste ich, als zwei Wanderer vorbeikommen. „riposo?“ fragt der eine freundlich. In diesem Moment plumpst das Da Silva wie von Geisterhand gegen die Böschung. Mit einer verächtlichen Bewegung antworte ich:“dormire“ . Wir haben sehr gelacht.

Bildunterschrift

Obwohl eigentlich die Nacht auf Biohof Wander eine erholung waer, selten genoß ich am Kaminfeuer solchen Wein, lege ich 35km vor ROM den ersten Ruhetag am Lago Trevignano ein. Endlich scheint die Sonne, ich wasche, esse Fisch und koste Frizzantino. Auf dem See übt ein Löschflugzeug fürdie Saison.

Getreu meiner Grundeinstellung durchfahre ich Rom mit kurzem Stop an den markanten Orten im Zentrum:

Engelsburg

Vatikan

Forum Romanum

auf der antiken Via Appia, die heute, Sonntags; für den Autoverkehr gesperrt ist

bis sie Richtung NAPOLI in der Vergessenheit verschwindet.

Mit dem mir eigenen Geschick lasse ich vor ANZIO zwei Campings aus, weil sie mir zu weit vom Meer weg sind. Später stelle ich dann fest, dass so eine militärische Landungszone ECHT groß ist, und offenbar seit WK 2 Sperrgebiet. Wer weiß wieviel was für Zeug da noch rumliegt. Im Dunkeln rette ich mich an einen Badestrand, bewacht von einem alten Festungsturm, mürrisch nimmt man mir mein Geld ab und gibt mir einen Tetrapak schalen Wein fürs Abendessen.Kaffe gibts morgens auch keinen, aber 100m weiter ist eine kleine Bude: Kurz nach mir kommen zwei Polizisten herein, beäugen mich und fragen ein bisschen, wollen sogar Kaffee ausgeben. Der Chef der Bude gesellt sich zu Ihnen und als sie zahlen wollen betont er seinen Status und erklärt, er allein entscheide, wer seinen Kaffee bezahlt, und wer nicht. Als die drei draussen mein Gespann examinieren, gibt mir die hübsche Kellnerin, welche mir schon die ganze Zeit schöne Augen macht rotzfrech zu verstehen, dass ich jetzt mal gut auf mein Zeug aufpassen solle. Neapel ist nicht weit…

Am Monte Circeo, wo die Zauberin Circe Homers zufolge die Männer des Odysseus in Schweine verwandelt haben soll, vorbei erreiche ich über Neapel POMPEJI.

NEAPEL: Saubere Innenstadt, gepanzerte Polizeiwagen mit Maschinengewehren, aber die Müllberge nur in den Slums. Nicht grösser übrigens, als in Albanien, sollte sich zeigen.

Nur interessierts da keinen…

eines der tollen Freskos in Ponpeji, Venus in der Muschel

Der Vesuv zeigt sich doch noch

Der erschütterndste Eindruck:

Dieser Mensch hat sich einfach hingesetzt, aufgegeben  und ist gestorben.

Bald schon hatten mich die wilden Berge wieder – oder ich sie

Im Flußbett eines Zuflusses des Lago di Conza übernachte ich, zum ersten Mal im Leben beim wild campen entdeckt. Aber das Bäuerchen war ganz nett, nachdem ich geschworen habe, nicht sein Weide zu öffnen.

Auch die folgende Etappe zum Castel del Monte war anstrengend. Kühler  Wind und ein paar fiese Anstiege auf Le Murge, das letzte Plateau vor Bari haben mich die letzten Körner gekostet.Der   Abend im B&B war allerdings lehrreich und lecker: Wirte Lehrerehepaar und Gäste Lehrerin und Schriftsteller. Der schreibt einen Historienroman über Heinrich den Staufer, konnte mir also übers Kastell ALLES erzählen.

Castel del Monte, wie es af den 1Cent Münzen Italiens ist

Und das war die Vorspeise

Am übernächsten Morgen bin ich schon in Albanien:

Moschee

Kirche

Kleine Bunker für jedermann von Enver Hodja. Überhaupt ein komisches Land: jedes 2. Auto ein Mercer, aber Busse und Strassenbahnen? Oder Strassen? Fehlanzeige. Aber: akkurate Gärten, sauber getünchte Häuser, freundliche und fleißige Menschen. Sehr verwirrend.

Die Verkehrssituation spannt mich so an, dass ich nur rauswill. Die Nacht bricht an,

am großen See von SHKODER, aber ich habe einen dummen Fehler begangen: am Grenzübergang nach Montenegro verschlingen die zerlumpten Hungerleider von Grenzpolizisten mein GPS derart mit den Augen, dass mir klar ist, dass Wildzelten hier ausfällt. So rase ich in die nächste Stadt, TUZI, wo ich trotz  lokaler Fürsprache im Hotel abblitze. Also weiter nach PODGORICE, der Hauptstadt des neuen Staates. Hier blitze ich nochmal ab und lande dann mit Vermittlung eines deutschsprachigen Kellners und des Jungmanagers selbst im „Crna gora“, alter, sozialistischer  Muff der 50er Jahre.

Das Personal istauch so lange da…

nächsten Tag bin ich in Montenegro  eingeladen, etwas erstaunt erhalte ich fromme Wünsche und ein Osterei. Hier gilt nämlich aufgrund des orthodoxen christlichen Glaubens der Julianische Kalender, heute ist Ostersonntag.

und raus gehts

nach DUBROVNIK in Kroatien, man lebt hier viel von Heldentum des letzten Krieges und den Untaten der Serben. Komischerweise sitzen, wo immer man ist, alle Nationalitäten zusammen, beklagen den Krieg und sind beste Freunde. Ich verstehs nicht…

Granatrichter auf dem Camping Dubrovnik

Die Altstadt von D. ist für mein Empfinden genauso ein lebloses Mittelaltermuseum wie z.B.CARCASSONNE, was mir einige Kroaten bald bestätigen werden.

Vorbei an der längsten Mauer der Welt nach der Chinesischen in STON

erreiche ich durchs Hinterland (Umleitung wegen gesprengter Brücke, 50Km, mit Auto schon Mist) BACINA, da gibt es keinen Camping an den 5 Seen mehr, aber eine irre Maifeier mit netten Kroaten und Wein und dem traditionellen Pecka:

Die bezahlen sogar das Zimmer.

Um 13:00 komm ich los, und mir gehts nichtgut.

Aber ich erreiche HVAR, was sie mir empfohlen haben, und lege kurzentschlossen einen Zusatzruhetag ein, weil es so friedlich ist.

Weiter die Küste entlang, auf und ab, erreiche ich RIEJEKA, einen Moloch von Stadt.

Nach einer Routineoperation am Da Silva in der dortigen RollsRoyce Werkstatt

(Kette gekürzt, flog wegen Längung immer runter)

geht es in einer gewaltigen Etappe bis kurz vor UDINE im Friaul, Slowenien erwische ich auch noch. Endlich habe ich mal wieder mein von der EU vermiestes Späßchen an einer Landesgrenze: „Ich hab noch soundsoviel   Geld in ihrer Währung, geben sie mir Essen bis es alle ist“

In BUTTRIO schlafe ich an der „Via Lippe“. Beim Weinbauern. Wenn ich raus hab, ob die was mit den Schaumburgern zu tun hat, werde ich berichten. Die Leute wußten es nicht.

Von dort aus geht es in einer Etappe über den Plöckenpass nach Österreich.

Der zieht mir den Zahn, denn am folgenden Tag esse und trinke ich nicht klug und gebe in der warmen Sonne an Gailbergsattel und Iselsberg zuviel Kette.

Am nächsten Morgen auf dem “ Dach der Tour“

Später am Mitteltor, von nun an geht´s bergab

Zur Strafe bleibe ich am Großglockner 300m unterm Gipfel in einer Hütte hängen. Der Sonnenaufgang in Eis und Schnee am Morgen entschädigt mich. Bei höchster Lawinengefahr überwinde ich das „Dach der Tour“ und schlafe am folgenden Abend im Haiderhof auf der Deutschen Grenze.

Dann gehts fix:

München, Altmühltal, die Fränkische Weinstraße hinauf an den Main,

Die Grenze kurz vor Ochsenfurt

die fränkische Saale .

Nun geht es an die Rhön, schlau wie ich bin, hatte ich ja gedacht, es geht an den Flüssen entlang einfacher, aber Pustekuchen: Fränkisches Saaletal bis BAD NEUSTADT, dann Brendtal und anschließend gelitten bis auf 714 m.Hab der Wasserkuppe die Zunge rausgestreckt. Daraufhin ballerte ein übles Gewitter los, dessen Ausläufer ich in GERSFELD erstmal aussitzen mußte. Hab es nach FULDA trotzdem geschafft und bin Dank der Vermittlung einer Hotelchefin aus BRONNZELL dann der zweiten Welle knapp  entronnen.

Dekadent: Kolping Parkhotel & Resort. Tolle Zimmer, klasse Essen, prima Service für einen Freundschaftspreis.

Das ganze Haus voll mit engagierten Christen. Vorteil: keiner guckt einen doof an, wenn man in Radklamotten ins Restaurant geht.

Der Fuldaradweg ist bekannt, diesmal finde ich auch das Stück vor KASSEL, nur IN KASSEL ist es dann wieder vorbei.Der Typ von „Akkurad“ sagt, die lernen das nicht mehr, sein Kumpel zeigt mir mit dem MTB den Weg. Ich hätte ja gerne noch Rohloffs besucht, aber die haben schon zu. Das nächste Mal. So rolle ich noch bis HEMELN an der Weser, wo ich mein Zelt das letzte Mal aufschlage. Der Mann am Camping ist ein herablassender Fatzke, jedenfalls Radlern gegenüber.

Aber mein Geld nimmt er.

Morgens ist alles naß, Nebel treibt durchs Wesertal, das Wetter hat sich wohl erledigt. Egal, alles packen, heut geht´s heim.

Nach den positiven Erfahrungen mit dem Garmin gebe ich in HÖXTER das Le Bistro als “ Goto“ ein. Mal sehen, was es treibt. Ich wäre nie so gefahren, aber die Strecke ist bequemer und tatsächlich kürzer. Dumm nur, daß es seit Kreisgrenze Lippe gießt. Deswegen heiße Lippe ja auch „Pißpott Gottes“, erklärt mir die Wirtin des Forsthauses am Blomberger Paß.

Am letzten Tag werde ich das erste Mal richtig naß. Aber Wurscht, das Jever im Bistro schmeckt.

Alle Bilder gibts hier

Am 12.Dezember endete dann die Radsaison 2008.

Auf dem Heimweg von der Arbeit passierte ich eine Brücke, die gleichberechtigt als Fuß und Radweg gilt. Aufgrund mehrer Gruppen von Passanten, welche den nahegelegenen Weihnachtsmarkt besuchten, konzentrierte ich mich auf kleine Kinder und übersah daher einen gußeisernen Pfeiler in der Mitte des Weges.

Ich blieb mit dem linken Unterschenkel hängen und landete direkt auf dem Kopf, glücklicherweise trug ich einenHelm.

Und schon war ich wieder im Krankenhaus…